Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Aulendorf

Geschrieben von Pfr. Schmid

Der Bau des Gemeindezentrums, das sich gerade im Rohbau befand.

Der Aufforderung, für den Gemeindebrief einiges über die Geschichte der Evang. Kirchengemeinde Aulendorf niederzuschreiben, komme ich gerne nach. Aber, diese Frage erhebt sich sofort: Wo anfangen mit dem Bericht, und wo aufhören?

Ich habe ja das Glück gehabt, einige der herausragenden Männer wenigstens der 2. Generation unserer Gemeinde noch persönlich kennengelernt und von ihnen allerlei erfahren zu haben. Dabei denke ich an Pfr. Karl Leube, der über ein Menschenalter lang von 1916 bis 1950 Pfarrer und bis zu seinem Tod im Jahr 1966 Bürger von Schussenried war, und an Pfr. Gustav Beierbach, den 22. von 36 Vikaren, die Aulendorf von Schussenried aus versorgten. Letzterer war es, der 1928 seinen Wohnsitz nach Aulendorf verlegte. Beide haben mir viel erzählt. Ich denke an Wilhelm Kirschbaum, der Kirchenpfleger war, bis Dr. Günther Schoene ihn ablöste, an die Kirchengemeinderäte Wilhelm Kraft aus Zollenreute und Theo Hack vom Steegen, an die letzte Gemeindehausmesnerin Frau Sigg, an Dekan Schwemmle von Biberach, der zu sagen pflegte, wenn er durch Aulendorf fahre und den Evang. Kirchturm sehe, komme ihm die Liedzeile "als wär's ein Stück von mir" in den Sinn. Mir fällt Landesbischof D. Haug ein, der einmal beim Diasporatag den Versammelten riet, sie sollten dem in der Bibeltextrevisionskommission mitarbeitenden Prälaten Dr. Eichele vorschlagen, in Ps 122,3 anstelle von "Jerusalem" "Aulendorf" zu setzen, dann heiße es dort: "Aulendorf ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll", und das stimme ja wohl auch.

Ganz besonders denke ich an Pfarrer Eugen Zuberer, der seit 1951 als letzter "unständiger Geistlicher" in Aulendorf Dienst tat und ab 1954 der erste ständige Pfarrer unserer Gemeinde war. Im Zusammenhang mit dem Bau unseres Gemeindezentrums in Gestalt von Kirche, Pfarrhaus und Kindergarten war ihm kein Opfer zu groß, auch nicht das seiner Gesundheit. Als ich 1955 zum ersten seiner vielen Krankheitsvikare bestellt worden war, sagte mir der damalige kath. Stadtpfarrer Heine: "Unter jeder neuen Kirche liegt ein toter Pfarrer". Neben dem Wissen aus Büchern und Protokollen verdanke ich Pfr. Zuberer die meisten persönlichen Berichte, auch über die "Gemeindemutter", Frau Emma Funk, und über Herrn Lehrer Zim mermann, die damals beide schon gestorben waren.

Die Kirche in den '70er

Also noch einmal: Wo anfangen und wo aufhören? Sollte vielleicht noch zugewartet werden damit, bis -ähnlich wie in Altshausen- schriftliche Lebenserinnerungen auftauchen? Sicher sind die Anfänge der Evang. Gemeinden von Altshausen und Aulendorf in den Einzelheiten nicht vergleichbar, aber ich stelle mir vor, daß vieles von dem, was in den "Erinnerungen aus meinem Leben" von Johannes Leopold steht (er war von 1871 bis 1885 Pfarrer in Altshausen), weitgehend auch für Aulendorf und die umliegenden Ortschaften gilt, ob es nun um die Seelsorge an den weit verstreut lebenden Evangelischen, um das Einrichten von Gottesdienst- und Unterrichtsgelegenheiten, um die Begegnung mit katholischen Pfarrern und Kaplänen, Bräuche bei Beerdigungen und anderes mehr geht. Deshalb möchte ich diese 1994 bei Kohlhammer in Stuttgart erschienenen "Erinnerungen" allen Interessenten wärmstens empfehlen.

Im Anhang dieses interessanten Büchleins sind übrigens noch Notizen aus dem Tagebuch des Pfarrverwesers Paul Wurm über seine Zeit in Altshausen von Juli 1855 bis September 1856 veröffentlicht. Dort schreibt er, seine Aufgabe sei es gewesen, die Evangelischen im Umkreis von drei bis vier Quadratmeilen zu sammeln und die Evangelischen Schulkinder in sämtlichen Volksschulfächern zu unterrichten. Der vor seiner Zeit vom Domänenpächter auf Lichtenfeld (bei Ebersbach) als Hauslehrer für seine Kinder angestellte Theologe habe auch von Zeit zu Zeit im Schloß evangelischen Gottesdienst gehalten. Nach dessen Weggang sei der Wunsch der Evangelischen von Altshausen um die Entsendung eines am Ort bleibenden Geistlichen aber von den vorgesetzten Stellen in Stuttgart "angesichts der geringen Zahl als ungerechtfertigt" abgelehnt worden. Schon damals war mit Statistik offenbar alles zu beweisen. Weil im Staatshandbuch im Unterschied zu den Ortsanwesenden nur die Ortsansässigen verzeichnet waren, besoldeten die Evangelischen von Altshausen einen Mann, der von Ort zu Ort gehen und genaue Zahlen erheben sollte. Leider wieder ohne Erfolg, denn die Kirchenleitung hatte inzwischen zwei Reiselehrer für Oberschwaben angestellt, einen mit Sitz in Ulm (!), den anderen in Altshausen.

Das war die Zeit, in der es noch zu den Amtspflichten des Ulmer Prälaten gehörte, einmal im Jahr durch Oberschwaben zu wandern, die weit verstreut lebenden Evangelischen aufzusuchen, - wer kannte sie schon alle? - Kinder zu taufen, Kranke zu trösten, mit ihnen Abendmahl zu feiern und, so gut es ging, das Evangelium zu verkünden.

Die Kirche heute, nach der Renovierung und dem Umbau.

Wie die Evangelische Kirche nach Oberschwaben kam.

Es wird nötig sein, zunächst einmal zu klären, wie Evangelische überhaupt nach Oberschaben kamen, denn die Reformation hatte "hier keinen Eingang gefunden". Dies gilt freilich nur für das flache Land, das vielen geistlichen und weltlichen Herrschaften gehörte, die katholisch waren und blieben, denn gegenteilige Entscheidungen wären von größtem Nachteil für sie gewesen. Nach dem Grundsatz "cuius regio, eius religio" (d.h. der Untertan soll derselben Konfession angehören wie der Landesfürst) hat sich die Reformation deshalb nur in einzelnen Reichsstädten wie Biberach, Ravensburg, Leutkirch, Isny und Ulm durchsetzen können. Die Dörfer Ersingen, Unter- und Oberbalzheim wie Wain waren Ulmer, Oberholzheim, Röhrwangen, Bergerhausen und Attenweiler Biberacher Besitz. Ihre Einwohner wurden deshalb nach dem .o.g. Grundsatz evangelisch.
 
Erst mit Anfang des 19. Jhds wurde das anders. Als 1806 das Land zwischen Donau, Iller und Bodensee dem Königreich Württemberg zugeschlagen und der Glaubenszwang aufgehoben wurde, kamen allmählich Evangelische ins Oberland. Dienstboten, Ärzte, Staatsbeamte, Apotheker, Handwerker, Kaufleute. Händler, die hier schon bisher gute Geschäfte machen konnten, blieben da und suchten sich geeignete Wohnungen. Um die Mitte des Jhds strömten landwirtschaftliche Arbeiter aus dem von Mißernten betroffenen Unterland in das reiche Oberschwaben. Der Bau der Bahnlinien, ebenfalls um die Mitte des Jhds vorangetrieben, brachte Arbeiter, Techniker und Bahnbeamte hierher. Außerdem erwarben unternehmungslustige Bauern, die im Unterland ihren kleinen Besitz günstig verkaufen konnten, mit dem Erlös bankrotte Höfe in Oberschwaben.

Das alte Gemeindezentrum, vor dem Bau der Kirche 1953. Das Haus steht heute immer noch.

Diesen über das ganze einst rein katholische Oberland zerstreuten evangelischen Zuwanderern -wie man sie in ihrer Umgebung wohl betrachtet hat?- blieb zunächst nichts anderes übrig, als sich an die wenigen seit der Reformation bestehenden evangelischen Gemeinden in den Recihstädten zu halten. Und die waren oft sehr weit entfernt. Was tun, wenn jemand im Sterben lag und beerdigt werden sollte? Wenn jemand mit seinem Kind nicht dreißig und mehr Kilometer zur Taufe gehen konnte?

Damals wurden etliche Knechte und Mägde von ihre Herrschaft zum Übertritt gedrängt. Kaum etwas von alledem schien man in Stuttgart bei der Kirchenleitung zu wissen, weshalb man sich zunächst der geistlichen Unterversorgung wegen auch keine großen Gedanken machte. Erst verhältnismäßig spät setzte sich die Erkenntnis durch, daß geistliche Zentren für die Evangelischen im Oberland einfach not-wendig waren. So entstanden einander nach neue evangelische Kirchengemeinden in Attenweiler (1842), Weingarten (1847), Ochsenhausen (1848), Wangen im Allgäu (1850), Schussenried (1851), Altshausen (1855), Tettnang und Laupheim (1861), Riedlingen (1884), Waldsee (1887), Wälde-Winterbach (1891), Atzenweiler und Saulgau (1898) und Langenargen (1914).

Die Namen der durch Unterstreichen hervorgehobenen Gemeinden, in wenigen Jahren von Schussenried aus gegründet, gehören zum engeren Rahmen der Aulendorfer Vorgeschichte und müssen deshalb später nochmals besonders genannt werden. Die altwürttembergische Gemeinde Pflummern wurde 1851 Biberach zugeteilt, das schon 1810 zum Dekanatssitz für ganz Oberschwaben erklärt wurde. Erst 1829 kam mit Ravensburg ein zweiter hinzu. In Buchhorn, dem heutigen Friedrichshafen, war bereits 1812 eine evangelische Kirchengemeinde gegründet worden, die das ganze württembergische Bodenseegebiet und dessen Hinterland umfaßte.

Pfr. Zeller im alten Betsaal

Man kann sich unschwer vorstellen, welche Wege zurückzulegen waren, nicht nur von Pfarrern und Vikaren, ebenso von Gemeindegliedern, nicht zuletzt von Konfirmanden, für die deshalb 1883 in Altshausen das Konfirmandenheim "Martinshaus" erbaut wurde, in dem sie das letzte Schuljahr verbringen durften, in der Regel erstmals in ihrem Leben evangelischen Religionsunterricht erhielten und auf die Konfirmation vorbereitet wurden. Dafür hatten ihre Eltern monatlich 5 Mark zu bezahlen, was damals viel Geld war. Das Gustav-Adolf-Werk schoß kräftig zu.

Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle die Brüdergemeinde Wilhelmsdorf, die 1824 als Ableger bzw Pendant von Korntal gegründet, zum Mittelpunkt evangelischen Lebens und diakonischer Einrichtungen im ehemaligen Pfrungener Ried wurde. Ihre aufregende Geschichte bedürfte einer eigenen Würdigung. Vielleicht später einmal.

Nun aber endlich wieder zu Aulendorf., wo Evangelischen der Zuzug nicht gestattet wurde. Um so erstaunlicher ist es, daß der Graf mindestens von 1653 bis zur Vertreibung 1693 einer Judengemeinde Schutz gewährte. (Die etwa 20-30 Familien wohnten "auf der Eck". Ihre Synagoge mit der dazugehörigen Mikwe für rituelle Waschungen stand neben der Herrenmühle, der Friedhof befand sich zwischen Steeger See und Tiergarten, worauf der Gewandnahme "Judenhölzle" hindeutet.) Das Erstaunen macht frelich einem gewissen Verständnis Platz, wenn man erfährt, welche enorme Einnahmen durch die Juden in die standesherrschaftliche Kasse flossen. In der ganzen Herrschaft Königsegg hatten die Juden das Salzmonopol, und den Bau ern war bei schwerer Strafe verboten, anderswo zu kaufen. So verdienten die Juden "-auch mit Pferde- und allerlei anderem Handel-" viel Geld und wurden von der Herrschaft mit kräftigen Abgaben belegt.

Der alte Betsaal.

Evangelische konnten demgegenüber erst nach 1806 Fuß fassen. Und das hing nicht nur mit dem Anschluß Oberschwabens an das Königreich Württemberg, mehr noch mit dem sich ausbreitenden. Eisenbahnverkehr und der beginnenden Industrialisierung zusammen. Z.B. war in Schussenried ein Hüttenwerk entstanden, In Altshausen eine Zuckerfabrik, und in Aulendorf die "Württ. Torfver-kohlungsgesellschaft."

Im Ried zwischen Tannhausen und Waldsee beschäftigte der Graf sommers bis zu 300 Saisonarbeiter, unter ihnen neben Italienern und Polen offenbar auch Evangelische. Unmengen von Torf wurden dort gestochen, getrocknet und zum Heizen - auch der Lokomotiven - in großen Schuppen (die heutige Stadthalle diente ursprünglich einmal diesem Zweck) gelagert. Tonnenweise wurde Torf per Bahn nach Ulm und bis in die Schweiz verfrachtet. So erklärt sich, daß für Aulendorf im Jahr 1840 "erste Evangelische" erwähnt werden, die "im Torfwerk arbeiteten."

Wie die Evangelische Kirche nach Aulendorf kam.

Jetzt war das Zeitalter des Verkehrs angebrochen. Ihm, nicht der Erweckungsbewegung des 16. Jahrhunderts - der Reformation - verdanken die jüngeren evangelischen Gemeinden des Oberlandes ihr Dasein, obwohl schon vorher die Predigt des Evangeliums auch in Oberschwaben viele Herzen entzündet hatte. Erst im Zeitalter des Verkehrs, also durch äußere Umstände verursacht, bildeten sich zwischen den weit auseinanderliegenden "alten" Gemeinden in den Reichsstädten kleine Gruppen Evangelischer. Jetzt kamen nach Aulendorf, an den Kreuzungspunkt zweiter Bahnlinien,auch "Drehscheibe Oberschwabens" genannt, wo 1851 "nur noch Fünf Evangelische" gezählt wurden, immer mehr Beamte und Angestellte der Eisenbahn und der Post, auch einzelne Gewerbetreibende und schon erste Bauern als Zuwanderer aus nichtkatholischen Gegenden.

Damals regte sich zuerst in Schussenried das Verlangen nach evangelischen Gottesdiensten am Ort. Man wollte nicht länger nach Biberach gehen müssen. Der dortige Dekan erklärte sich dazu bereit und hielt von 1844 an alle sechs Wochen im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters Gottesdienst, selbstverständlich erst am Nachmittag. Für die Reisekosten kamen die Teilnehmer auf.

Der immer stärker werdende Wunsch nach einem eigenen Pfarrer führte zur Reise einer Abordnung, die der Kirchenleitung in Stuttgart ihr Anliegen persönlich vortrug. Mit Erfolg, denn eine zunächst durch einen ständigen Pfarrverweser zu besetzende Pfarrei wurde im November 1851 genehmigt und ihr ein Gebiet zugewiesen, das von Wurzach bis Mengen und von Buchau bis Esenhausen bei Wilhelmsdorf reichte.

345 Evangelische aus 62 bürgerlich-katholischen Gemeinden der Oberämter Saulgau, Waldsee, Riedlingen und Biberach hatten nun in Schussenried immerhin einen Pfarrverweser, der dort, in Waldsee, Altshausen und Saulgau Gottesdienst halten sollte. Außerdem hatte er in Schussenried den evangelischen Kindern der Oberklasse den vollständigen Schulunterricht zu erteilen. Weil das über seine Kräfte ging, wurde 1855 das Pfarrgebiet durch die Abtrennung von Altshausen und Saulgau auf 32 Gemeinden verkleinert. Dafür kam aber 1856 in Buchau eine weitere Predigtstelle und von 1875 an die Seelsorge an der neugegründeten Heil- und Pflegeanstalt (heute PLK) dazu. Spürbare Erleichterung brachte erst 1880 die Einrichtung einer Evang. Konfessionsschule mit einem fest angestellten Hilfslehrer, der den Unterricht im größten Zimmer der Pfarrwohnung zu halten hatte.

Im Jahr 1883 wurde Wolfgang Zeller als Pfarrverweser nach Schussenried geschickt und 1887 mit der inzwischen zum ständigen Pfarramt erhobenen Stelle betraut. Sein Name und sein mehr als 31 Jahre langes Wirken ist aufs engste mit den Anfängen der Aulendorfer Evang. Gemeinde verbunden und soll deshalb besonders genannt werden. Er war es, der von 1884 an in einem Aulendorfer Privathaus regelmäßig evang. Religionsunterricht hielt. Neben seinen vielen anderen Aufgaben betrieb er den Bau einer Kirche in Waldsee, was dazu führte, daß die Oberamtsstadt 1887 eine eigene Pfarrei bekam.
 
So konnte er sich vermehrt den immer lauter werdenden Wünschen aus Aulendorf widmen, wo die Zahl der Evangelischen inzwischen auf über 100 angewachsen war und 1891 erstmals etwas stattgefunden hatte, was man später den "Aulendorfer Diasporatag" nannte. Eingeladen war zu einer "Delegiertenversammlung der Evangelischen Oberschwabens", zweckmäßigerweise nach Aulendorf, denn dorthin konnte man aus allen Himmelsrichtungen mit der Bahn gelangen. Anlaß war ein Vorfall in Leutkirch, wo evangelische Geschäftsleute von Ka tholiken boykottiert worden waren und ein zurechtfrisierter Bericht darüber in der Zeitung stand. Deshalb ging es bei dieser Versammlung zum einen um ein monatlich er scheinendes "Blatt zur Vertretung und Förderung der Interessen der Evangelischen in Oberschwaben", das nach Möglichkeit in Verbindung mit dem Stuttgarter Evang. Sonntagsblatt stehen sollte, zum andern um die "Verbindung der evangelischen Gemeinden untereinander zur gegenseitigen Hilfe in konfessioneller Bedrängnis".

Auf Sonntag 19. Juni 1892 lud Pfarrer Zeller die evang. Männer von Aulendorf zu einer Besprechung in die Brauerei Funk und protokollierte, die 18 Erschienen seien "einstimmig der Ansicht, daß es besonders notwendig sei, eine evangelische Schule zu bekommen. Das Schulzimmer könnte zugleich zu Gottesdiensten benutzt werden. Es würde genügen, wenn zunächst nachmittags von 2-3 Uhr allmonatlich Gottesdienste gehalten würden." Sogar von einem eigenen Gebäude war bereits die Rede. Einer der Anwesenden, Konditor Stumpp, bot für den genannten Bedarf eine in seinem Haus (dem heutigen Café Herbst) augenblicklich leerstehende Vierzimmerwohnung an. Weil man von anderen Interessenten wußte, wurde beschlossen, die Wohnung sofort zu mieten und den jährlichen Mietzins von 200 Mark durch Beitrage aufzubringen. Eine mutige Entscheidung ohne Rückendeckung durch kirchliche oder kommunale Zusagen! Deshalb wurde sofort mit dem Sammeln von Geld begonnen. 24 Männer, die am 10. Juli versammelt waren, erklärten sich zunächst für drei Jahre zur Zeichnung von freiwilligen Spenden bereit, wodurch jährlich 331.10 zusammen kamen. Außerdem brachten zwei der Teilnehmer dieser Versammlung von einer Bettelreise nach Biberach die stolze Summe von 494 Mark mit.

Noch im selben Jahr wurde die Gründung einer freiwilligen evangelischen Konfessionsschule und die Errichtung der Filialgemeinde Aulendorf genehmigt. In der gemieteten Wohnung wurde aus zwei Räumen ein Schulzimmer gemacht, ein unständiger Lehrer angestellt und Schulbänke etc. gekauft. Sonntags wurde das Schullokal alle 14 Tage zum Betsaal umfunktioniert. Die Schulbänke rückte man an die Wand und stellte Stühle auf. Als Altar diente ein Tisch. Das Lehrerpult bekam durch Verkleidung kanzelartige Züge, und die Gemeinde sammelte sich zum Gottesdienst, dankbar, nicht mehr nach Schussenried gehen zu müssen.

Die feierliche Einweihung fand am 14. November 1892 statt. Man sammelte sich am Bahnhof und bewegte sich in festlichem Zug zum bekränzten Schulzimmer.

Eingeladen waren Vertreter der Kirchlichen und der Schulbehörden, des Gustav-Adolf-Werkes, Geistliche und Lehrer aus der Umgebung, Schultheiß und Gemeinderat, der Obmann des Bürgerausschusses, die ansässigen Beamten, ferner die Gönner, die Beiträge zum gelungenen Werk gegeben hatten, und selbstverständlich die Schulkinder, die "ein Lutherbüchlein" bekamen.
Der kirchlichen Feier schloß sich ein Festbankett in der Brauerei Funk an. Dabei wurden die Kinder mit Kaffee und Kuchen, die geladenen Gäste mit "1 Wurst, 2 Viertel Bier und 2 Brot" bewirtet.

So wurde der Geburtstag der Evang. Kirchengemeinde Aulendorf gefeiert.

Wenig später ordnete das Dekanatamt für den 11. Dez. 1892 die Wahl eines Kirchengemeinderates an.
Von 29 Stimmberechtigten erschienen dazu 18 und wählten aus 10 Kandidaten die Herren Rudolf Buck (Bahnhofswirt, * 1838), Gustav Knoll (Telegrafenaufseher, * 1845), Johannes Geiger (Hofbauer in Rugetsweiler, * 1855), Karl Schmid (Bahnmeister, * 1856) und Robert Funk (Kaufmann, * 1857). Kirchenpfleger wurde Kaufmann Gustav Sautter, der sich schon als Schulrechner bewährt hatte.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang, daß in Aulendorf von Anfang an unverhältnismäßig oft nachgewählt werden mußte, und zwar in der Regel wegen berufsbedingter Umzüge. Die Klausel "auf Lebenszeit bzw. für die Dauer seines hiesigen Aufenthalts gewählt" findet sich wohl deshalb schon im Jahr 1894. Aus diesem Grund hatte die Gemeinde 1898 vier verschiedene Kirchenpfleger.

Neben alltäglichen Tagesordnungspunkten des KGR wie Einziehen der freiwilligen Beiträge, Gottesdienstzeiten, Festsetzung der Lehrerbesoldung und des Schulgeldes der Kinder, Verhandlung über allerlei Anschaffungen und Antrage ging es im Mai 1893 um die Bekränzung des Bet- und Schulsaals an Fronleichnam. Nicht zuletzt deshalb, weil vor der dem Betsaal gegenüberliegenden Funk'schen Wirtschaft (heute REAL) ein Altar errichtet und das Unterlassen der Bekränzung auffallen würde, faßte man einen salomonischen Beschluß, der dem (evang.) Hauseigentümer erlaubte, ebenso wie sein Geschäft auch die Fenster der Evang. Schule zu schmücken. Eine Fußnote im Protokoll merkt an, daß "infolge der Erstellung einer Wasserleitung" die Straße unpassierbar gewesen sei und die Fronleichnamsprozession einen anderen Weg hätte nehmen müssen.

Wie die Gemeinde in Aulendorf entstand.

1894 beschäftigte sich das Kollegium mit dem Harmonium, das "einen schlechten Ton habe und viel zu wünschen übrig lasse". In derselben Sitzung ging es um die Konfirmation. Aulendorf hatte drei, Schussenried aber keinen Konfirmanden. Man meinte, Kinder und Eltern sollten an diesem Tag nicht verreisen müssen, "da die Andacht und Sammlung unter einer Reise notleiden" würden. Freilich sah man auch den beschränkten Raum im Betsaal und daß "sich in Schussenried die hl. Handlung feierlicher ausnehmen würde". Trotzdem beschloß man, die "Hohe Behörde" um Genehmigung zu bitten, die auch erteilt wurde, aber fortan alljährlich erneut eingeholt werden mußte. Selbst 1902, als die Gemeinde einen neuen, geräumigen Betsaal, Aulendorf sieben, Schussenried einen und Buchau keinen Konfirmanden hatte, durfte die Konfirmation nicht ohne behördliche Genehmigung gehalten werden.

Mit dem Hinweis auf den neuen Betsaal sind wir den Ereignissen weit vorausgeeilt. Aber bereits an Pfingsten 1894 brachte der Biberacher Dekan bei einem Besuch in Aulendorf seine Freude über den "sehr zahlreichen Kirchenbesuch" zum Ausdruck und fragte, wie lange das Schullokal für Sonntagsgottesdienste wohl noch groß genug sein werde. Außerdem sprach er von der Möglichkeit der Anstellung eines Parochialvikars für Aulendorf. Offenbar waren wie Kirchengemeinderäte so überrascht, daß es ihnen die Sprache verschlug, denn der Schriftführer vermerkt, für den Augenblick seien keine Wünsche vorgebracht worden. Trotzdem wurde die Stelle am 6. Juni 1894 genehmigt und unverzüglich besetzt. Dienstsitz war Schussenried und sollte es 34 Jahre lang bleiben, bis einer der zahlreichen Nachfolger im Amt des Parochialvikars diesen leicht exotisch klingenden Titel (zu deutsch: Stellvertreter des Pfarrers inmitten eines eigenen Bezirks) wörtlich nahm und in der Überzeugung, bei seiner Gemeinde wohnen zu sollen, mehr oder weniger eigenmächtig nach Aulendorf zog. Einstweilen war es noch nicht so weit, doch hatten die hiesigen Evangelischen jetzt einen eigenen Ansprechpartner. Verantwortlich für die von hier bis Buchau bzw. Eberhardzell reichende Gesamtpfarrei, ferner für die Seelsorge in der Heilanstalt Schussenried und für den Vikar blieb der Pfarrer.
 
Er berichtete dem KGR im Juli 1895 vom Gustav-Adolf-Fest in Geislingen, wo der Bau eines Diasporahauses in Aulendorf vorgeschlagen worden sei. Bauherrin und Eigentümerin dieses Hauses mit Schule und Betsaal sollte die hiesige Gemeinde sein. Mit Freuden und in dem Bewußtsein, daß die eigenen Finanzen hierfür niemals ausreichten und die freiwilligen Beiträge nicht weiter zu steigern wären, stimmte man zu und skizzierte Pläne, beschloß die Einrichtung eines Neubaufonds und machte sich Gedanken über günstige Darlehen. Auch beschäftige man sich mit der Frage nach dem Bedarf. Im Vordergrund der Überlegungen stand vor allem die Unsicherheit des Mietverhältnisses im 1. Stock der Konditorei Stumpp, denn ein Besitzerwechsel hätte ungeahnte Folgen für die Schule und den Gottesdienst. Auch die drangvolle Enge spielte eine Rolle, zumal bei Anwesenheit sämtlicher 35 Schüler die Viererbänke mit fünf Kindern besetzt werden mußten. 
Unter ähnlich notbehelfsmäßig beschränkten Bedingungen litten vor allem die Festtagsgottesdienste der inzwischen auf 175 Glieder angewachsenen Gemeinde. Also wurde ein Raumprogramm entworfen und nach einem geeigneten Bauplatz Ausschau gehalten. 

Das ideal gelegene Gelände von 1 Morgen Größe war im Besitz der Gräfl. Domänenverwaltung. Weil andere Vorgänge lehrten, daß "die Intervention von hohen Würdenträgern der Kirche oder durch Hohe Geburt und Stellung hervorragender Hoher Herren" von Vorteil wäre, wandte man sich an den Präsidenten des Konsistoriums, Freiherrn von Gemmingen, und bat ihn, sich für die Aulendorfer Sache zu verwenden. Darauf ließ der Graf von Königseck tatsächlich wissen, daß "prinzipielle Bedenken gegen eine Abtretung des betr. Grundstücks nicht vorliegen" und man zunächst mit Rentamtmann Zinser mündlich weiter verhandeln solle. Letzterer erklärte "zwar überaus höflich und freundlich", daß es sich um eines der "wohlarrondiertesten Stücke des Gräfl. Fideikommißgutes und noch dazu um eines der bestrendierenden" handele, von dem "nur aus besonderer Gefälligkeit und nur mit Rücksicht auf den edlen Zweck die Rede sein könne". Entsprechend hoch war der Preis, weshalb man einen Privatbrief an den Erbgrafen richtete. In der Antwort gab dieser zu bedenken, "nur die Sorge, es möchte eine abschlägige Antwort als konfessionelle Gehässigkeit ausgedeutet werden" sei die Ursache dafür gewesen, "daß ein Verkauf nicht von vornherein prinzipiell abgelehnt wurde". Und "da von einer Herabsetzung des Kaufpreise nicht die Rede sein könne, so wolle er die Herren nicht zu sich bemühen".
Auf ein offizielles Schreiben an die Dominialkanzlei kam der Bescheid, daß "nur ausnahmsweise auf eine Abtretung eingegangen und für den Morgen ein Preis von 4000 Mark verlangt würde, wobei die Gemeinde noch die Kosten des Kaufgeschäfts und die Abfindung der Pächter wegen vorzeitiger Auflösung des Pachtvertrags zu tragen hätte". 

Am 30. Januar 1898 beschloß man, der Gräfl. Kanzlei mitzuteilen, "daß der KGR auf den Gräfl. Bauplatz nicht mehr reflektiere". Im Mai 1898 schließlich einigte man sich nach weiteren Versuchen, einen geeigneten Baugrund zu finden, auf einen Platz an der Straße nach Zollenreute, der drei verschiedenen Eigentümern gehörte, 1 Morgen groß war und 3000 Mark kostete. 
Wie bei der Planung und Erstellung öffentlicher Bauvorhaben üblich, gab es Schwierigkeiten mit selbsternannten Besserwissern, ja sogar eine schriftliche Beschwerde beim Konsistorium, "da der Platz unzweckmäßig und zu teuer sei, auch der KGR und besonders sein Vorsitzender, Pfarrer Zeller, gewaltthätig und ohne Fühlung mit der Gemeinde" gehandelt habe. Das Areal des Beschwerdeführers, so die Antwort aus Stuttgart, wäre "nach seiner Gestaltung und Preishöhe für die Kirchengemeinde ungeeignet gewesen". Der seiner Meinung nach Übergangene sah sich deshalb durch "besondere Verhältnisse" genötigt, sein Mandat als Ortsschulrat niederzulegen. 

Trotzdem begann jetzt eine Zeit eifrigen Planens. Die Ideen überschlugen sich geradezu und die ursprüngliche Bescheidenheit machte, mindestens vorübergehend, einem gewissen Anspruchsdenken Platz. Ein Gebäude, das Betsaal, Schule und Lehrerwohnung enthalten sollte, so befürchtete man, werde "keinen besonders schönen äußerlichen Anblick gewähren". 
"Die verkehrsreiche Lage Aulendorfs" verlange Berücksichtigung "ästhetischer Ge sichtspunkte", zumal für eine Kirche samt Turm und Glocken neben dem Schulhaus "hinlänglich Raum" vorhanden wäre. Auch seien "die Kosten für zwei Gebäude nebeneinander nicht sehr erheblich höher als für eines". So wurde am 6. März 1899 beschlossen, zuerst den "Bau des Schulhauses, das notwendiger erscheint, in Angriff" zu nehmen und den "oberen Stock, in den die Wohnung für den künftigen definitiven Lehrer komme, provisorisch für den Betsaal" einzurichten. Während mehrere Skizzen und Kostenanschläge des Baumeisters Butscher beraten und wieder verworfen, ein Biberacher Werkmeister hinzugezogen, der Gustav- Adolf-Verein eingeschaltet und weiterer Zukauf von Grund und Boden erwogen wurde, verging noch mehr Zeit, sodaß der Dekan im Juni 1900 empfehlen mußte, "nicht zu verzüglich die Sache zu behandeln". Am 23. Januar 1901 endlich wurde die Baugenehmigung bei einem Kostenvoranschlag von rd. 25 000 beantragt und die Erlaubnis zu einer Schuldaufnahme von max. 24 000 erbeten, rückzahlbar in Jahresraten von 600 Mark bis 1937.
 
In der Genehmigung des Konsistoriums vom 8. März 1901 sind Bedenken des Königl. Oberamts Waldsee erwähnt, die "die Wahl des Bauplatzes nicht als eine glückliche" bezeichnen. Das ursprünglich in Aussicht genommene Areal wäre zwar schöner und von der Bahn weiter entfernt, so die Antwort des KGR, aber nicht unter 4000 zuzügl. sämtlicher Nebenkosten zu haben gewesen. Man hätte es wirklich gerne erworben und habe sich 1 1/2 Jahre lang darum bemüht. Im übrigen sei der jetzige Bauplatz entschieden günstiger, Kirche und Schule bekämen "eine ganz geeignete schöne und freie Lage, auch ist noch Raum zum Spielplatz für die Kinder und für Gartenanlagen genügend vorhanden". Deshalb wurde am 20. März beschlossen, "den jetzigen Bauplatz beizubehalten und hier zunächst das Schulhaus zu errichten". Am 20. April fand endlich die Ausschreibung der Arbeiten statt. 
Da forderte plötzlich der Oberamtsbaumeister einen größeren Abstand von der Baulinie. Die Angelegenheit ging - weil der KGR diese Verfügung nicht einsehen wollte - bis vor das Innenministerium, das am 30. Mai gegen eine Gebühr von 10 Mark die Dispensation vom Ortsbaustatus erteilte, aber der Gemeinde die Verpflichtung auferlegte, "alle durch die endgültige Baugenehmigung etwa erforderlich werdenden Änderungen unweigerlich und auf eigene Kosten - ohne irgendwelche Ersatzansprüche - auszuführen." Um endlich mit dem Bau beginnen zu können, ging man darauf ein. Erste Forderungen auf Abschlagszahlungen im August lassen darauf schließen, daß Maurer und Zimmerleute inzwischen am Werk waren. Der Mietvertrag im alten 'Schul- und Betsaal wurde in der Hoffnung, bis dahin umziehen zu können, auf Martini gekündigt. Und tatsächlich, nur zwei Wochen später war es geschafft. Am 26. November 1901 fand die Einweihung des mit Tannenbäumen und Girlanden geschmückten Hauses statt, wofür 200 Einladungen und 500 Programme gedruckt worden waren. Der "wieder neu erstandene Kirchenchor", für den 12 Notenbücher angeschafft wurden, umrahmte den Festgottesdienst. Der Lehrer begleitete den Gemeindegesang auf der für 250 Mark erworbenen Zimmerorgel.
Noch fehlte der Altar, der so geplant wurde, daß er auch in der neben dem Schulhaus zu erbauenden Kirche verwendet werden konnte. Und die Malerarbeiten zogen sich bis in den Monat Januar hinein. Die Schule zog ins Erdgeschoß, der Lehrer in die für ihn vorgesehene Wohnung unter dem Dach. Der Kostenaufwand betrug 28 931.89 Mark und mit Hilfe des Gustav-Adolf-Werkes war die gesamte Schuld Ende 1918 abgetragen. 

Über 50 Jahre lang war dieses Haus das Zentrum des Gemeindelebens, Ort der Verkündigung des Evangeliums und der christlichen Unterweisung für die evangelischen Kinder.